Ich weiß nicht warum, aber das Wort „Weltbürger“ hat mich immer fasziniert. Wenn Schüler nach meiner Herkunftsstadt in der Türkei fragten, entgegnete ich oft mit dem Satz „Ich bin Weltbürger!“ Damit wollte ich sagen, dass es keine Bedeutung für mich hat, woher ich stamme. Ich wollte dadurch nicht meine Heimat oder Herkunft ignorieren, sondern eine kleine Anregung geben, darüber hinaus zu gehen und alle Menschen als gleichwertig anzusehen.

Daher finde ich den Begriff „Weltbürger“ passend und schön, auch wenn er einigen provokativ erscheinen mag, da er eine Gegenposition zu Gefühlen herkunftsorientierter Gruppenzugehörigkeit formuliert. Der griechische Philosoph Diogenes von Sinope war derjenige, der diesen Begriff erstmals im vierten Jahrhundert vor Christus benutzte. Dennoch ist es uns Menschen seit über zweitausend Jahren noch nicht gelungen, ein universelles Bewusstsein über das Menschsein zu entwickeln.

Ich sehe insbesondere auch unter Muslimen Schwierigkeiten, das Weltbürgertum anzunehmen. Daher gehe ich im Folgenden insbesondere auf diese Gruppe stärker ein. Einige Gesellschaften haben neben (Bürger-)Kriegen viele positive Umwälzungen, wie Reformation, Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte erlebt. Dennoch hat es bis heute nicht ganz geklappt, ein universelles Bewusstsein aufzubauen. Wie könnte es dann unter Muslimen existieren, die einige der vorher genannten Umwälzungen gar nicht miterlebt haben? Ich denke, der Begriff „Weltbürger“ ist von vielen Muslimen immer noch schwer nachzuvollziehen, obwohl er besonders in Zeiten eines engstirnigen Nationalismus auf der einen Seite und der wahnsinnigen Globalisierung auf der anderen eine ganz besondere Bedeutung erhält.

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Ich verstehe unter dem Begriff „Weltbürger“ folgendes: einfach Mensch zu sein, unabhängig von all seinen überbetonten Zugehörigkeitsgefühlen.  (Muhammet Mertek)

Aber warum ist es schwierig, sich und die Mitmenschen in erster Linie als „Mensch“ zu betrachten? Ist das Menschsein nicht das höchste Gut oder die wertvollste Identität? Wozu brauchen wir stets Masken, die zur Überbewertung der nationalen und religiösen Überzeugungen führen?

Ich fürchte, der Mensch selbst befindet sich immer wieder in einer unheilsamen Identitätskrise und denkt daher, er braucht Masken, um sich dahinter zu verstecken. Und die nationalen oder religiösen Identitäten bieten hier die billigsten Masken an, von denen die Massen Gebrauch machen können. Anscheinend spielen genau diese eine sinnstiftende Rolle, indem man sich selbst im Gegenüber zu den anderen definiert.

Kann man als Mensch überhaupt ohne irgendeine Maske leben? Ja das kann man! Es kostet allerdings viel Mühe und reflektierte Vernunft. Wenn man sich aber hinter den Masken versteckt, dann fühlt man sich von jeder Verantwortung verschont und das ist auf jeden Fall einfacher und bequemer, als sein Tun stets zu überdenken.

Ich verstehe unter dem Begriff „Weltbürger“ folgendes: einfach Mensch zu sein, unabhängig von all seinen überbetonten Zugehörigkeitsgefühlen. Denn sobald wir einem Menschen oder Menschengruppen eine Zugehörigkeit – sei es national oder religiös – zuschreiben, wird er bzw. werden sie automatisch relativiert und weniger als Individuen gesehen. So werden beispielsweise Flüchtlinge, die im Mittelmeer ihr Leben verloren haben, nur quantitativ wahrgenommen. Ein anders Beispiel wären Journalisten, die aus politischen Gründen in einer Diktatur inhaftiert sind. Sofern sie eine andere Nationalität haben, werden diese Journalisten ebenfalls nur pauschal wahrgenommen. Viel Raum in Politik und Medien bekommen Opfer meist nur, wenn sie die eigene Nationalität haben oder der eigenen Gruppe (Religion, Geschlecht, Gesinnung, o.ä.) angehören.

Genau dieses kleinkarierte Denken sollten wir überkommen. Wir sollten jeden Menschen, der in Not ist oder dessen Rechte verletzt werden – seien es Flüchtlinge, Journalisten oder andere – unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit oder ideologischen Überzeugung unterstützen und für seine Rechte einstehen. Denn jeder Mensch ist eine einzigartige Persönlichkeit und wertvoll.

Hände von Menschen, die zusammenhalten

Um es auf den Punkt zu bringen, erfordert es eine zweigleisige Perspektive ein Weltbürger zu sein: eine vollendete Mündigkeit des Individuums und die fortwährende Bemühung, ein aufrichtiger Mensch zu sein. (Muhammet Mertek)

Hier erinnere ich mich zuerst an einen Koranvers: „O ihr Menschen! Wir haben euch fürwahr aus einem einzigen (Paar von) Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen möget. Wahrlich, der Edelste unter euch vor Gottes Angesicht ist derjenige, der am besten ist in Frömmigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrfurcht vor Gott.“ (49:13)

Es wird davon gesprochen, einander zu kennen und auf diese Weise Beziehungen untereinander zu knüpfen und zusammenzuarbeiten, nicht aber, damit Unterschiede in Rasse oder gesellschaftlichem Rang zum Gegenstand des Stolzes gemacht und feindselige Gefühle gehegt werden.

Ein Ausspruch des Propheten Muhammad stellt es noch einmal klarer dar:„Als ein Trauerzug an dem Gesandten Muhammad vorbeikam, stand er auf. Es wurde zu ihm gesagt, dass der Tote ein Jude war. Er erwiderte: War er kein Mensch?!“ (Muslim)

Der Prophet Muhammad erwies dem Toten die letzte Ehre. Ihm war nicht wichtig, welcher Religion er angehörte, er war ein Mensch! Warum tun wir – und besonders die Muslime – uns heute also immer noch so schwer damit, wenn die Gelehrten alter Zeiten es schon predigten?

Immanuel Kant formulierte es so: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Könnte es daher wohl die geistige Auseinandersetzung und Rationalität sein, woran es in der Welt noch heute allzu oft mangelt?

Um es auf den Punkt zu bringen, erfordert es eine zweigleisige Perspektive ein Weltbürger zu sein: eine vollendete Mündigkeit des Individuums und die fortwährende Bemühung, ein aufrichtiger Mensch zu sein.

So können wir eine humane Wahrnehmung des Menschen mit all seinen Eigenschaften in den Vordergrund stellen, um die Wahnnehmung der nationalen und religiösen Überbewertung abzulegen. Erst dann können wir uns selbst und andere Mitmenschen im wahrsten Sinne des Wortes als „Weltbürger“ betrachten und geschwisterlich in Frieden zusammenleben.

Als Schlusswort möchte ich den großen Dichter und Philosophen Mevlana Rumi zitieren, der vor sieben Jahrhunderten so schön schrieb:

Auf der Welt gibt es viele Sprachen, viele Sprachen,
Aber alles hat die gleiche Bedeutung.
Brichst du die Karaffe, den Krug,
Wie fließt dann das Wasser und findet seinen Weg…
Nun hin zur Einheit, lass den Streit, den Krieg!
Wie schlägt dann das Herz, und wie führt es zu anderen Herzen.

Über den Autor

Muhammet

Muhammet Mertek wurde 1964 in Espiye, einer Kleinstadt am Schwarzen Meer in der Türkei, geboren. Er studierte zunächst Germanistik und Pädagogik in Ankara, anschließend zwischen 1987- 1992 Germanistik, Pädagogik und Schwedisch in Münster. Seit 1992 ist er als Lehrer für die Fächer Islamischer Religionsunterricht und Türkisch an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm tätig. Muhammet Mertek setzt sich schon seit Jahren aktiv und engagiert für den Dialog zwischen Menschen, Kulturen und Religionen in der Gesellschaft ein. Er betont die Bedeutung, die die universelle Sprache der Kunst, der Musik und der Literatur als verbindendes Element einnimmt, und möchte diese Möglichkeiten nutzen, um ein harmonisches Zusammenleben zu fördern. Als Buchautor und Pädagoge hat er zahlreiche Beiträge zum heutigen Islam sowie zu kulturellen Gegensätzen und Konflikten in soziokulturellen Brennpunkten veröffentlicht. Seine Texte publiziert er auch auf den Webseiten: mmertek.de, sinfonie-interkulturell.de und islam-aktuell.de, die er initiiert hat. Seit dem 03.11.2018 ist Mertek zudem Vorstandsmitglied der Interreligiösen Arbeitsstelle e.V. (INTR°A).

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